Aktuell I

 

Corpus Strigel – 100 Jahre

Die Forschungs- und Bilddatenbank sämtlicher Werke der Künstlerfamilie Strigel und ihrer Werkstatt in Memmingen (1430-1530)

assoziiert mit dem Graduiertenkolleg "Rahmenwechsel" an der Universität Konstanz

 

Die Familie der Strigel war über mehr als 100 Jahre hinweg eine in Memmingen (Oberschwaben) überaus produktiv wirkende Maler- und Bildschnitzerfamilie, deren Werke religiösen Sujets nicht nur lokal breiten Absatz fanden, sondern bis nach Österreich, Italien und in die Schweiz, resp. Graubünden exportiert wurden. Allein in Graubünden sind mindestens 32 Retabel erhalten geblieben.

Die frühere Reichsstadt Memmingen war neben Augsburg, Konstanz, Überlingen oder Hall zu einem der bedeutendsten Handelsplätze im süddeutschen Raum aufgestiegen, in der die Familie Strigel nahezu uneingeschränkt und ohne größere Konkurrenten ihre Werkstatt betreiben konnte. Im spätgotischen Kunstbetrieb Schwabens war ihr Unternehmen das beherrschende künstlerische Zentrum der Stadt und ihres Umlandes, an das sämtliche wichtigen Aufträge fiel.  

Als Stammvater bzw. Gründer dieser Werkstatt gilt Hans Strigel der Ältere (*um 1400 in Memmingen(?) - † März/Juni 1462 ebd.), von dessen Kunst das 1442 datierte und signierte Hochaltarretabel für die Pfarrkirche in Zell bei Oberstaufen Kenntnis gibt. Weil er schon 1433 ein Haus samt Werkstatt erwerben kann, darf angenommen werden, dass der ältere Hans bereits als Meister nach Memmingen kommt. Mit seiner Frau Anna hat er sechs Kinder (Petrus, Ivo und Hans sowie Anna, Ursula und Agatha), von denen Ivo (*1430/31 Memmingen -  17.8.1516 ebd.) nach dem Tod des Vaters das Haus erwirbt und die kommenden Jahrzehnte gemeinsam mit seinem Bruder Hans dem Jüngeren (ab 1450 nachweisbar in Memmingen – † um 1485 ebd.)  – wie sein Vater ebenfalls Maler - die Werkstatt betreibt und zu einem florierenden Unternehmen ausbaut.

Auf dem 1465 datierten Montfort-Werdenberg-Retabel (Staatsgalerie Stuttgart), einem Gemeinschaftswerk von Hans und Ivo werden beide in einer ungewöhnlich ausführlichen Inschrift namentlich genannt:

"Im Jahre des Herrn 1465 haben die Prokuratoren dieser Kirche mit finanzieller Unterstützung der gesamten Gemeinde dafür gesorgt, dass das vorliegende Werk mit meisterlicher Kunstfertigkeit hergestellt wurde, zu Lebzeiten des Grafen Hugo von Montfort und seiner Frau Elisabeth von Werdenberg, durch die Brüder Hans und Ivo Strigel von Memmingen".

 

Unklar ist bis heute, ob Ivo nur Bildschnitzer und/oder auch Maler war. Eine Doppelzünftigkeit ist denkbar, allerdings waren in Memmingen beide Gewerke in der Kramerzunft vereint. Damit war es der Werkstatt möglich, beide Gewerke gleichermaßen zu bedienen. Ivo, der sich selbst Bildhauer (später auch Maler) und Bürger zu Memmingen nennt, übernimmt die Leitung des Unternehmens, muss aber – nicht zuletzt aufgrund der guten Auftragslage - immer wieder andere Mitarbeiter – Maler wie Bildschnitzer – aus anderen Städten und Gebieten unterverdingen, um den Aufträgen auch zeitnah nachkommen zu können.

Bernhard Strigel, in der älteren Forschungsliteratur Meister der Sammlung Hirscher genannt, ist letzter Spross dieser Künstlerdynastie (*Memmingen 1460 – † ebd. 1528).
Seine erste Ausbildung erhält er in der väterlichen Werkstatt, worauf auch sein Frühwerk verweist. Überwiegend tätig in Memmingen, mehren sich insbesondere nach dem großen Auftrag für die Benediktiner-Klosterkirche in Blaubeuren (1493/94), die Aufgaben für die großen Klöster und Kirchen Schwabens (Ottobeuren, Schussenried, Isny, Buxheim, Salem etc.).

Genauso erfolgreich wird Bernhard aber auch als Bildnismaler, als der er – vermutlich auf Vermittlung Johannes Cuspinians – in den Dienst Kaiser Maximilians tritt und für diesen verschiedene Porträttypen entwickelt. Schon bald ist er begehrter Porträtist nicht nur des kaiserlichen Hauses und hohen Adels (er selbst nennt sich in einer Inschrift von 1520 Hofmaler Maximilians), sondern auch des bürgerlichen Patriziats.
Geschult noch ganz in der spätgotischen Tradition, steht Bernhard Strigel – insbesondere durch seine Portraitkunst - an der Schwelle zur Neuzeit. Als jüngster und letzter Maler seiner Familie entwickelt er sich mit neuer Ausdruckskraft und erweiterten Kompositions- und Gestaltungsprinzipien zu einem der bedeutendsten Künstler der Renaissance nicht nur in Schwaben.

Aufgrund seines nachweisbar intensiven diplomatischen Engagements innerhalb der Stadt, konnte auch er die zahlreichen, großen Aufträge nur mit Hilfe weiterer Mitarbeiter erfüllen. Bislang konnten in der Forschung – unter stilistischen Gesichtspunkten - mindestens drei seiner Mitarbeiter aus dem Werk Strigels deutlich konturiert hervortreten. Es ist dies der von Bruno Bushart beschriebene Meister des Pfullendorfer Retabels, sowie zwei weitere Mitarbeiter, die vorübergehend sowohl bei Strigel als auch bei Zeitblom in Ulm tätig waren: Der Meister der Blaubeurer Kreuzigung und schließlich Hans Maler von Schwaz, den Strigel offenbar auch an die Habsburger weitervermittelte. Diese drei sind indes - wie zu zeigen sein wird - nicht die einzigen Mitarbeiter, die ihren Individualstil mit in die Werkstatt einbrachten.

 

Die Zeit ist reif, das Werk dieser bedeutenden Künstlerfamilie neu zu überdenken und zu gliedern. Erstes Ziel des Projektes ist es, sämtliche Werke im Rahmen einer Datenbank, die die objektiven Tatbestände verzeichnet, der Wissenschaft bereit zu stellen. Denn aufgrund der großen Materialmenge wird erst die digitale Erfassung, die entsprechend individuell verschlagwortet werden kann, neue Fragestellungen erlauben, wie diejenige - nach virtuellen Rekonstruktionsmöglichkeiten auseinandergerissener Retabelwerke, die heute zum Teil über den halben Globus verstreut sind oder nach den Einflüssen der großen Reformbewegungen auf die Strigelsche Kunst zum Ende des 15. Jahrhunderts.  

 AMF

 im Januar 2021

 

 

 

Aktuell II  - 

Gesucht.....und gefunden!

Dank des wunderbaren Hinweises meiner Kollegin,

Frau Lisa Braun, M. A.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
der Universität Konstanz
AG Kunstwissenschaft
Fach 152
Graduiertenkolleg 'Rahmenwechsel'
78457 Konstanz

hat die Suche nach dem Tafelbild Bernhard Strigels, die Taufe Christi darstellend, endlich - nach vielen Wochen ein glückliches Ende gefunden.

Die Tafel, die sich zuvor in der Münchner Sammlung Professor Sepp befand, dann nach Capri veräußert wurde, befindet sich heute in Mailand.

Ein Glück für unser Projekt!

 

AMF

im März 2020


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