AMF Projekte

Die Kunst der Beschneidung
– beschnittene Kunst.

Oder: Über den Umgang mit Bildern.

(in Vorbereitung)


Grundlage jeder kunsthistorischen Arbeit, im Besonderen auch die an einem Bestandskatalog, hat die materielle Befundsicherung zu sein. Das heißt so viel wie Identifikation und Dokumentation eines Objektes in seinen Werkstoffen, seinen Herstellungs- und Gestaltungstechniken sowie seinen materiellen Wandlungen durch natürliche Einflüsse oder Eingriffe durch Menschenhand. Das festzustellen, ist kein leichtes Unterfangen. Fast jeder Kunsthistoriker wird – mehr oder weniger oft – mit Objekten in Berührung kommen, an denen Veränderungen vorgenommen wurden. Veränderungen, die in vielen Fällen erheblich und nachhaltig den originalen Bestand beeinflusst haben. Das ist - an und für sich – erst einmal gar nichts besonderes.

Es geht dabei nicht nur um Veränderungen, die unter Kriegseinfluss entstanden sind. Auch sind nicht nur die Eingriffe durch den Kunsthandel gemeint. Das übliche "aus eins mach zwei", also das Spalten beidseitig bemalter Gemäldetafeln, gehört so manches Mal dazu. Aber wer  je geglaubt hat, dass man in Friedenszeiten mit alter Kunst, die doch oft für den sakralen Raum bestimmt gewesen ist, sorgsam oder gar pietätvoll umgegangen sei, der wird ganz schnell eines Besseren belehrt. Zimperlich zeigte man sich dabei nicht

Oftmals ging damit eine Umnutzung einher. Das Objekt konnte eine neue Aussage und damit auch eine neue Funktion erhalten. Diese zum Teil eklatanten Eingriffe in die originale Substanz, immer richtig zu deuten und den Gründen dafür auf die Spur zu kommen, ist gar nicht so ganz einfach. Es darf nicht verschwiegen werden, dass diese Eingriffe oftmals ein Rätsel sind und es in vielen Fällen wohl auch bleiben werden. Und doch - in dem einen oder anderen Fall kann man sich an eine Antwort auf die Frage nach dem „Wann und Warum“ wenigstens herantasten.

Wie schnell man oftmals bereit war, in die Substanz der Bilder in Abhängigkeit vom Wandel der Vorstellungen einzugreifen, zeigt das Beispiel einer Vertreibung aus dem Paradies. Es handelt sich um die rechte Flügelaußenseite eines ehemaligen Wandelaltars mit einer flügelübergreifenden Komposition, in deren Zentrum sich der mauerumfriedete Paradiesgarten befindet. Es handelt sich stilistisch um einen äußerst schwierigen und in der Gegenüberstellung der Gottesmutter vor dem Paradiesgarten ikonografisch hochspannenden Fall. Die Tafel ist um 1450 zu datieren. Ursprünglich zeigte sie Adam und Eva nackt vor dem prächtig vergoldeten Tor des Paradiesgartens. Wenig später scheint man diese Nacktheit im sakralen Raum als nicht angemessen empfunden zu haben, denn noch im 15. Jahrhundert, also weit früher als die Figuren im Jüngsten Gericht Michelangelos, erhielt Eva ein grünes Blätterkleid.
Die erste Abbildung zeigt die Tafel im "quasi" Originalzustand, d. h.  nach der „virtuellen“ Abnahme der Übermalung. Heute würde kaum ein Restaurator diese Übermalung rückgängig machen.

Dr. Anna Moraht-Fromm
Kultur- und Bildwissenschaft - Sachverständige

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